Wildau - Altarfenster
Text und Fotos (2007), H. Henschel (+)
Das nach Süden orientierte Halbrund der Altar-Apsis enthält fünf Rundbogenfenster. Vier davon tragen Glasmalereien, die offensichtlich aus der Werkstatt der Gebrüder Rudolf und Otto Linnemann stammen und vom Architekten der Kirche, Georg Büttner, selbst beauftragt wurden.
Das mittlere Fenster hat eine farblich und stilistisch so deutlich abweichende Gestaltung, dass es aus der Darstellung hier ausgeklammert sei; über die Ursache dafür kann man nur spekulieren, denn alle Dokumente aus der Entwurfsphase der Fenster sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.
[Private Korrespondenz mit dem Linnemann-Archiv, 2007]
Auf die Geisteshaltung der Schöpfer von Kirche und Fenstern wurde an anderer Stelle eingegangen (siehe die Architektur-Seiten). In deren Kenntnis erwartet man für die Fenstergestaltung eine einfache, volkstümliche Handschrift - und so sind die Bilder tatsächlich auch ausgeführt: Menschen, Bauten und Landschaft erscheinen in einem holzschnittartigen Naturalismus, der nirgends erkennen lässt, dass ihre Aussage doch weit über die je dargestellte biblische Szene hinausweist.
Erst nachdem der Autor die Fenster für sein Vorhaben, sie auf den Internetseiten der Friedenskirche vorzustellen, fotografiert hatte, entdeckte er, dass die vordergründige "simple Volkstümlichkeit" kontrastiert und unterfüttert wird durch vielschichtige Bibel-Bezüge, oft gerade nicht zur dargestellten Szene. Bezüge, die sich nur dem Betrachter erschließen, der auf das "Sprechen der Bilder" [Georg Büttner] hören will und den Überraschungen, die er dabei erlebt, nachzugehen bereit ist.
Der Autor lebte fast 20 Jahre in der Gemeinde, bevor sich ihm diese versteckte Dimension der Glasmalereien erschloss - und seine persönlichen Erkenntnisse mögen auch nicht für jeden zwingend oder nachvollziehbar sein...
Die Bilderfolge illustriert damit nicht bloß das historische Leben Jesu oder das der ersten Apostel, wie es aus so vielen Kirchen bekannt ist, sondern übergreifend die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen, in die Jesus sich gestellt sah, und die er durch Kreuz und Auferstehung vollendet hat!
Der Zyklus beginnt mit der Ankunft Jesu auf Erden: "Ein Kind ist uns geboren". Das Bild stellt - zunächst ganz volkstümlich - die aus dem Lukas-Evangelium bekannte Szene im Stall von Bethlehem dar, wenn auch als Titel kein Vers aus dem Evangelium gewählt ist, sondern eine Passage aus der großen Verheißung des Jesaja, auf die Jesus selbst sich in seinen Predigten immer wieder beziehen wird: »Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.« [Jes. 9.5].
Während die rechte Bildhälfte mit Heiliger Familie, Krippe und Stern treulich der Lukas-Darstellung folgt, überraschen die Gestalten links: Vorn kniet anbetend eine Frau, vor ihr ein Korb mit Früchten, in ihrem Rücken steht ein Mann mit bedecktem Haupt, der eine Art Schaufel trägt. Wer hier das Bekenntnis des Architekten zum Volkstümlichen allzu wörtlich nimmt, wird vielleicht ohne viel Nachfragen den Handwerker und die Bäuerin aus der Wildauer Region erkennen, die anstelle der von Lukas bezeugten Hirten zur Anbetung aufgestellt werden. Solch eine platte Aktualisierung der biblischen Botschaft aber haben weder Georg Büttner noch die Gebrüder Linnemann im Sinn! Johannes der Täufer hatte von Jesus geweissagt: »Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.« [Matth. 3.12]
Ist er, der Täufer, hier in den Stall gekommen, um die Worfschaufel als das Sinnbild für Buße und Reinigung an Jesus, den Vollender seiner Mission, zu übergeben? Johannes' Mutter Elisabeth war es, die als erste die Bedeutung und Bestimmung dieses Kindes erkannt hatte, als Maria bei ihr Zuflucht suchte! Anstelle einer "volkstümlichen" Darstellung der Hirten oder der Weisen aus dem Morgenland, lässt der Glasmaler hier also den Täufer und seine Mutter zur Anbetung erscheinen!
Auch der gefüllte Korb im Vordergrund, der in keinem der Evangelien erwähnt wird, bekommt so plötzlich einen über das Naturalistische hinausgehenden Sinn: Der Prophet Amos hat ihn in einer seiner Visionen zum Gleichnis für die Endzeit ...
... genommen, die später Johannes der Täufer ankündigen wird: »Was siehst du, Amos? ... Einen Korb mit reifem Obst. Da sprach der HERR zu mir: Reif zum Ende ist mein Volk Israel; ich will ihm nichts mehr übersehen. Und die Lieder im Tempel sollen in Heulen verkehrt werden zur selben Zeit...« [Am. 8.2f]. So verweist der Gestalter der Fenster auch angesichts der Freudenbotschaft von Weihnachten bereits auf den Ernst der Botschaft Jesu, auf den Ruf zur Umkehr und Buße!
Der Titel des zweiten Bildes "Wachet und betet" wiederholt diese Mahnung nun explizit. Jesus redet mit diesen Worten den Jüngern am Vorabend seines Todes ins Gewissen, als sie im Weinberg auf das Erscheinen der Schergen des Kaiphas warten: »Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet« [Matth. 26.41].
Die bildliche Darstellung aber bedient sich einer anderen, späteren Mahnung: jener aus der Offenbarung des Johannes, die an die reichen Christen der Stadt Laodicea gerichtet ist: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.« [Offb. 3.20].
Das gleiche Motiv findet sich auch im Matthäus-Evangelium, im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, worauf einzelne Elemente der Darstellung verweisen: die Laterne, die der Ankömmling trägt, und der Abend-Himmel. Die Ankunft des Bräutigams verzögert sich, und nur wer aufmerksam und bereit ist, wird mit ihm zur Hochzeit hinein gehen dürfen.
Warum hat der Gestalter des Bilderzyklus hier nicht die bekannte Szene aus dem Garten Gethsemane illustriert? Wollte er den Christen in der jungen Gemeinde des aufstrebenden Wildau, die sich erst vor drei Jahren von Königs Wusterhausen gelöst hatte und nun bereits eine eigene Kirche baut, die Parallelen mit der reichen Stadt in Kleinasien vor Augen stellen?
»Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.«, so heißt es wenige Verse zuvor [Offb. 3.17]! Auf jeden Fall aber wird durch diese Verschränkung der Worte Jesu mit einer Szene aus der Anfangszeit der christlichen Gemeinden der Betrachter in die aktuelle Predigt des Evangeliums hineingenommen!
Das dritte Bild "Rühre mich nicht an" zeigt die Begegnung Maria von Magdalas mit dem Auferstandenen - das einzige der Fenster, bei dem Titel und Abbildung derselben Bibelstelle entspringen. Christus ist als der Gärtner dargestellt, für den ihn Maria zunächst ja hält - bis er sie mit ihrem Namen anspricht. Im Bericht des Evangeliums werden die Gedanken Marias nach diesem plötzlichen Erkennen nicht weiter ausgemalt; ihre Geste im Bild gibt den nächstliegenden menschlichen Impuls wieder: sich durch eine Berührung des Unglaublichen zu versichern (wie Johannes es ja wenige Verse später von dem Jünger Thomas berichtet).
Aber Jesus kommt ihr zuvor: Mit den Worten »Rühre mich nicht an!« [Joh. 20.17] verweigert er jede Zurückholung in die alte, die menschliche Gemeinschaft seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger. Wie im zweiten Bild weist dieses "Rühre mich nicht an!" auf einen Glauben, der seinen Grund nicht im Nachahmen, im Mit-Leiden von Jesu Wirken und Sterben findet, nicht in unserer eigenen Aktivität, sondern im "Angesprochen-Sein" von Christus, im Vertrauen auf den zeitlos gültigen Zupruch seiner Liebe, ohne diese allerdings "fassen" zu können....
Das letzte Bild "Herr hilf mir" handelt schließlich vom Wirken Jesu in seiner Zeit. Noch einmal stimmen Titel und dargestellte Szene nicht überein! Abgebildet ist, wie Jesus einer Kranken auf dem Lager die Hand auflegt - offensichtlich handelt es sich um die Auferweckung der Tochter des Jaïrus [Markus 5.41], an deren Krankenbett er gerufen war, aber erst eintrifft, als sie schon gestorben schien.
Der Titel des Bildes jedoch ist dem Bericht aus dem Matthäus-Evangelium entnommen, in dem Jesus sich vom Glauben einer "Ausländerin" aus Kanaan so beeindrucken lässt, dass er trotz anfänglicher Ablehnung ihre Tochter heilt: »Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! ... Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.« [Matth. 15.22ff].
Der Gestalter des Fensters verlegt die Heilungs-Szene in eine Kirche und deutet so überdies auf die Sabbat-Heilung aus dem Lukas-Evangelium hin [Luk. 13.11]: Jesus zeigt sich dort mit der Heilung einer "verkrümmten" Frau nicht nur als Erlöser von körperlichen Fesseln, sondern auch als Befreier von einer engstirnigen, verkümmerten Religiosität, die anstelle der Zuwendung zu den Menschen in ihrer Bedürftigkeit die sklavische Unterwerfung unter ein ausuferndes Regelwerk gesetzt hat. Immer wieder heißt es in den Predigten Jesu: »Ihr habt gehört ... - ich aber sage euch!«, und er stellt damit die überlieferten mosaischen Gebote vom Kopf auf die Füße. Dies wird hier nun nicht mehr als die ernste Mahnung der ersten beiden Bilder verkündet, sondern als freundliche, tröstende Zuwendung. Und zwar jedem gegenüber, der glaubt - ohne die Voraussetzung einer religiösen oder nationalen Zugehörigkeit!
Es ist bezeichnend, dass diese Szene den Abschluss der Serie bildet und nicht die Begegnung am leeren Grab: Jesus wirkt über seinen Tod und seine Auferstehung hinaus, das heißt auch in unserem Leben, auch in dieser, der Wildauer Kirche! Jetzt wird auch verständlich, warum auf ein Fenster mit der Darstellung der Kreuzigung verzichtet worden ist. Jesu Kreuzestod war kein Unglück, kein Irrtum wie der Tod der Tochter des Jaïrus, der sozusagen rückgängig gemacht werden musste. Jesu Tod war und ist ein untilgbarer Bestandteil der Heilsgeschichte, durch seine Auferweckung setzt Gott ihn nicht wieder in den Stand eines judäischen Wanderpredigers zurück, sondern bekennt er sich zum "Opfer" dieses Menschen Jesus als dem endgültigen, erlösenden für alle.
Die Illustrationen und die dazu ausgewählten Bibelworte spannen - wie ich zu zeigen versucht habe - einen viel weiteren Horizont der Verkündigung auf, als man vom ersten Augenschein der naturalistischen Darstellungen erwarten mag. Von der Mahnung Johannes' des Täufers zu Buße und Umkehr bis zur Heilung aus Glauben - über alle Schranken von Konvention und Religion hinweg - reicht die (Heils-)Geschichte Jesu Christi, die die Fenster-Bilder der Friedenskirche erzählen.
"Sprechende Bilder" sind es, wie Georg Büttner sie in seinen Kirchen haben wollte - aber so ganz im Vorübergehen ist ihre Botschaft dann auch wieder nicht zu erschließen.
Hans Henschel, Ostern 2007
Fotos: H. Henschel. Die Fenster wurden von außen oben durch Scheinwerfer hinterleuchtet - daher der etwas wärmere Farbton in der jeweils oberen Hälfte. Die hier vorgenommene Aufreihung folgt dem Lauf der Sonne.